SMB-Missionar Martin Jäggi wurde anfangs Januar zum neuen Hausoberen in Immensee gewählt. Als Missionar war er zehn Jahre in einer Slumgemeinde in Lusaka in Sambia, fünf Jahre in der Diözese Malaybalay in Mindanao sowie 16 Jahre in Bontoc-Lagawe in Nord-Luzon in den Philippinen tätig. Im Interview erzählt der 82-Jährige was ihm der Glaube bedeutet, was seine grössten Schwierigkeiten ihm Missionseinsatz waren, und warum er ursprünglich Priester und nicht Missionar werden wollte.
Norbert Spiegler: Was hat dir den Anstoss gegeben, dich für einen Missionseinsatz zu bewerben?
Martin Jäggi: Ich habe mich nicht beworben. Als Jugendlicher sah ich «Messis», eine Ausstellung der Missionsinstitute. Priester wollte ich werden, nicht Missionar. Angst vor Löwen und Schlangen gab den Ausschlag. Dennoch war ich beeindruckt und ging nach Rebstein ins Progymnasium der SMB. Schnell identifizierte ich mich dann mit der SMB. Nach der Priesterweihe arbeitete ich acht Jahre im Bildungsdienst. 1978 wurde mir ein Teamprojekt im Armenviertel Chipata in Lusaka (Sambia) offeriert.
Im Rückblick auf dein Studium und deine Ausbildung, was war dir da am wichtigsten?
Im Missionsseminar lernte ich viel über Liturgie und Musik. Doch viel mehr inspirierten mich die drei Jahre berufsbegleitende Ausbildung an der Akademie für Erwachsenenbildung. Ich lernte: Jeder Mensch weiss etwas. Bildung kann nur gelingen, wenn Grundwissen und Emotionen miteinbezogen werden. Nach zehn Jahren Afrika war ich wieder drei Jahre im Bildungsdienst in Immensee tätig.
Was zählst du zu deinen schönsten Erlebnissen im Missionseinsatz?
Als ich mit dem Pfarreiratspräsidenten in Sambia durch die Strassen ging und misstrauisch angeschaut wurde, sagte dieser: «Das ist unser mzungu wathu (unser Weisser)!» Bei den indigenen Filipinos galt viel, dass ich zu den Leuten ging und ihre Kultur zu schätzen wusste.
… und zu deinen grössten Schwierigkeiten?
Die Sprache. Wenn ich nochmals anfangen könnte, würde ich viel mehr den Leuten aufs Maul schauen und die Sprache(n) lernen.

Mitglieder des Informationsdienstes 1984, deren Aufgabe es war, das Verständnis für Missionsund Entwicklungspolitik bei der Bevölkerung zu fördern.
Hinterste Reihe von links nach rechts: José Amrein, Josef Gähwiler, Anna Dietrich-Portmann, Markus Isenegger, Isabel Müller und Fredy Valdivia.
Vorderste Reihe von links nach rechts: Ludwig Hochreutener, Edwin Baur, Martin Jäggi, André Gachet, Eugen Birrer und Josef Christen.
Du bist jetzt zum Leiter des SMB-Missionshauses in Immensee ernannt worden. Wo möchtest du da deine Akzente setzen?
Die positiven Aspekte sehen, gelten lassen und pflegen. Viel Verantwortung abgeben. Und miteinander singen; das durchblutet, stärkt die Abwehrstoffe und macht schön! Wichtig ist mir, unsere SMB-Gemeinschaft noch mehr ins «Wohnen im Bethlehem» zu integrieren.
Wie siehst du die Zukunft der SMB als altgewordene Missionsgesellschaft?
Wir müssen üben, loszulassen. Das betrifft vor allem unsere Niederlassung im Torry in Fribourg. Dort kann etwas Neues entstehen. Wenn daraus eine neue globalisierte SMB wird, die ihre Zukunft mit dem Verein Missionshaus Bethlehem organisiert: À la bonne heure!
Was sagst du jemandem, der dich in der S-Bahn als Missionar identifiziert und verwundert fragt, was denn am Glauben so gut sei?
Der Glaube gibt mir Freiheit, das heisst Gelassenheit und Zuversicht, die Welt so zu sehen, wie sie ist. In der Vorstellung so vieler Zeitgenossen existiert ein unattraktiver Gott. «Dass Gott mir gross werde», wünschte Meister Eckhart. Aktuelle Skandalgeschichten sind ein Teil der menschlichen Realität der Kirche. Gut, dass sie nicht schöngeredet werden. Aber die Kirche als Gottesvolk ist dennoch lebendig und liebenswert.

Martin Jäggi (ganz links), ca.1983 in Lusaka, Sambia, mit Mitgliedern der Basic Christian Community, einer Nachbarschaftsgruppe, die sich regelmässig zum gemeinsamen Bibelstudium trifft.